Landwirtschaft & PV

Agri-PV / Agrovoltaik Österreich 2026

Solarstrom und Landwirtschaft auf derselben Fläche – Pilotprojekte, Förderungen und Potenzial für österreichische Landwirte

Juni 2026 10 Min. Lesezeit Nicolas Gimpl

Österreich hat das Ziel, bis 2030 den gesamten Stromverbrauch aus erneuerbaren Quellen zu decken. Dafür braucht es Fläche – und die ist knapp. Agri-PV (Agrovoltaik) bietet einen eleganten Ausweg: Dieselbe Fläche produziert gleichzeitig Nahrungsmittel und Solarstrom. Was in Mitteleuropa noch als Nischenthema gilt, könnte in Österreich bald flächendeckend Realität werden.

Was ist Agri-PV?

Der Begriff Agri-PV (auch: Agrovoltaik, APV, Dual-Use Solar) bezeichnet die gleichzeitige Nutzung einer Fläche für landwirtschaftliche Produktion und Photovoltaik-Stromerzeugung. Das Konzept wurde 1981 vom deutschen Physiker Adolf Goetzberger entwickelt, gewinnt aber erst seit ca. 2015 praktische Bedeutung.

Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichen Freiflächenanlagen: Bei Agri-PV bleibt die landwirtschaftliche Nutzung der Fläche vollständig oder weitgehend erhalten. Die Module werden so aufgeständert oder angeordnet, dass landwirtschaftliche Maschinen darunter fahren können und Pflanzen ausreichend Licht erhalten.

Flächennutzungseffizienz (LER): Die Land Equivalent Ratio (LER) ist das Maß für die Effizienz der Doppelnutzung. Ein LER-Wert von 1,3 bedeutet: Für die gleichen Erträge (Strom + Nahrungsmittel) bräuchte man getrennt 30 % mehr Fläche. Gut konzipierte Agri-PV-Anlagen erreichen LER-Werte von 1,2–1,6.

Systemtypen und Bauweisen

Es gibt verschiedene Bauarten von Agri-PV-Anlagen, je nach Kulturpflanze, Maschinentyp und Flächenanforderung:

Systemtyp Modulhöhe Beschattungsgrad Geeignet für Spez. Kosten (€/kWp)
Hoch-APV (Schirmstruktur) 4–6 m 15–40 % Acker, Gemüse, Beeren 1.800–2.800
Vertikale bifaziale APV 1–2 m (Pfahlhöhe) 10–20 % Grünland, Getreide, Wein 1.400–2.000
Interrow APV (Reihenmontage) 3–5 m 25–50 % Obst, Hopfen, Spargel 1.600–2.400
Greenhouse-APV (Gewächshaus) 3–8 m 20–60 % Spezialkulturen, Pilze 2.500–4.000
Floating-APV (Teichanlage) 0 (schwimmend) Fischzucht, Reservoirs 2.800–5.000

Vertikale bifaziale Module: Das österreichische Potenzial

Für österreichische Verhältnisse besonders interessant sind vertikale bifaziale Module, die senkrecht in Ost-West-Ausrichtung aufgestellt werden. Diese Bauart ist kostengünstiger als Hochkonstruktionen, erlaubt normale landwirtschaftliche Maschinen daneben und produziert durch die bifazialen Module (Rückseite fängt reflektiertes Licht) trotz vertikaler Montage 75–85 % des Ertrags einer normalen Südanlage. Ideal für österreichische Ackerflächen mit schwerem Gerät.

Geeignete Kulturen für Agri-PV

Kultur Schattenverträglichkeit Ertragswirkung unter APV Zusatznutzen durch APV Empfehlung
Kirschen, Äpfel Mittel ±0 bis +15 % Hagelschutz, weniger Sonnenbrand Sehr gut
Beeren (Erdbeere, Himbeere) Hoch +5 bis +20 % Hitzeschutz, längere Saison Sehr gut
Hopfen Mittel −5 bis +5 % Stützgerüst integrierbar Gut
Wein (Reben) Mittel −5 bis +10 % Hagelschutz, Frost­schutz Gut
Grünland / Weidenutzung Hoch ±0 bis −10 % Schatten für Tiere, Wasserersparniss Gut
Gemüse (Salat, Spinat) Hoch +10 bis +30 % Hitze- und Trocken­schutz Sehr gut
Getreide (Weizen, Mais) Niedrig −15 bis −35 % Kaum Vorteile Weniger geeignet
Lavendel, Kräuter Mittel ±0 bis −10 % Aromatik teilweise erhöht Gut
Österreichischer Schwerpunkt: Aufgrund der klimatischen Bedingungen und bestehenden Kulturen bieten sich für Österreich besonders Obstbau (Steiermark, Kärnten), Weinbau (Burgenland, Niederösterreich) und Beerenkulturen an. Die Kombination mit Hagelschutz ist ein Hauptargument – Hagelschäden kosten österreichische Landwirte jährlich 50–200 Millionen Euro.

Pilotprojekte in Österreich

Österreich steht bei Agri-PV noch am Anfang. Deutschland, Frankreich und Japan sind deutlich weiter. Dennoch gibt es erste wichtige österreichische Projekte:

Projekt Standort Leistung Kultur Status (2026)
APV-RAISE (AIT/BLT Wieselburg) Wieselburg, NÖ ca. 500 kWp Grünland, Beeren Betrieb seit 2023
Sunfarming Steirischer Obstbau Steiermark ca. 200 kWp Äpfel, Kirschen In Betrieb
BOKU-Agri-PV Versuchsfeld Wien / Tulln ca. 50 kWp Gemüse, Kräuter Forschung laufend
Verbund / Energie Burgenland APV-Test Burgenland ca. 1.000 kWp Wein Genehmigung 2025
Raiffeisen / RWA Agri-PV Initiative Österreichweit geplant 10 MWp+ Acker, Gemüse Planung 2025–2027
Internationaler Vergleich: Deutschland hat mit über 300 Agri-PV-Anlagen und ca. 500 MWp installierter Leistung eine deutlich größere Erfahrungsbasis. Frankreich fördert Agri-PV über spezielle Ausschreibungen. Japan ist mit über 2.000 Anlagen weltweit führend. Österreich kann von diesen Erfahrungen direkt profitieren.

Wirtschaftlichkeit und Ertragsmodelle

Agri-PV-Anlagen kosten aufgrund der speziellen Konstruktion 30–80 % mehr als Standard-PV-Anlagen gleicher Leistung. Dafür gibt es Mehreinnahmen aus der landwirtschaftlichen Nutzung und potenziell höhere Förderungen.

Kostenposition Standard-PV-Freifläche Agri-PV (Hochkonstruktion) Agri-PV (vertikal)
Investitionskosten 700–900 €/kWp 1.800–2.800 €/kWp 1.400–2.000 €/kWp
Jährliche Wartung 15–25 €/kWp 25–40 €/kWp 20–35 €/kWp
Jährliche Stromerträge (1.000 kWh/kWp) 70–100 €/kWp 70–100 €/kWp 55–80 €/kWp
Jährliche landwirtschaftliche Mehreinnahmen 0 200–2.000 €/ha (je Kultur) 100–500 €/ha
Amortisationszeit (ohne Förderung) 8–12 Jahre 18–30 Jahre 15–22 Jahre
Amortisationszeit (mit Förderung) 6–9 Jahre 12–20 Jahre 10–16 Jahre

Agri-PV ist ohne Förderung wirtschaftlich noch herausfordernd. Der Hauptvorteil liegt nicht allein im Stromertrag, sondern in der Kombination mehrerer Einnahmequellen: Stromerzeugung, Ernteertrag, Pachteinnahmen (falls Fläche verpachtet), Hagel- und Dürreschutz (reduzierte Ernteverluste), sowie zukünftige Carbon-Credit-Erlöse.

Förderungen für Agri-PV in Österreich

OeMAG-Marktprämie (EAG)

Agri-PV-Anlagen ab 10 kWp sind für die OeMAG-Marktprämie qualifiziert. Größere Anlagen (>1 MWp) nehmen an Ausschreibungen teil. Die Marktprämie beträgt 2026 ca. 6–9 Cent/kWh für 20 Jahre.

ÖPUL / GAP-Strategieplan

Im Rahmen der EU-Gemeinsamen Agrarpolitik können Landwirte für umweltfreundliche Bewirtschaftung Prämien erhalten. Agri-PV als Biodiversitätsmaßnahme wird geprüft – erste Förderungen ab 2025/26 erwartet.

FFG-Förderung (Forschung)

Die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) fördert Demonstrationsprojekte und Pilotstudien zu Agri-PV. Förderquoten: 30–70 % der Projektkosten für Forschung und Erstinstallation.

Landesförderprogramme

Steiermark und Niederösterreich haben erste Förderprogramme für APV im Kontext der ländlichen Entwicklung. Kontakt: Jeweilige Landwirtschaftskammer oder Landesenergiestelle.

Rechtliche Grundlagen in Österreich

Die rechtliche Situation für Agri-PV in Österreich ist komplexer als für normale Dach-PV-Anlagen:

Rechtsbereich Regelung Auswirkung auf Agri-PV
Raumordnung (Ländersache) PV-Freiflächen auf Ackerland meist nur mit Widmungsänderung möglich Agri-PV: Oft geringere Hürden, da Ackerstatus erhalten bleibt
Baurecht (Ländersache) Baugenehmigung für alle Konstruktionen über 3 m Höhe Hochkonstruktionen baugenehmigungspflichtig; Verfahrensdauer 3–12 Monate
Naturschutzrecht Naturschutzrechtliche Bewilligung je nach Bundesland In Schutzgebieten: Stark eingeschränkt oder verboten
EAG 2021 Fördersystem für erneuerbaren Strom Agri-PV grundsätzlich förderungsfähig; spezifische Agri-PV-Ausschreibung in Diskussion
Flächenwidmung Ackerfläche muss primär Acker bleiben Kriterium: >50 % der Fläche weiterhin landwirtschaftlich nutzbar (IEA-Standard)
Wichtig für Landwirte: Bevor Sie ein Agri-PV-Projekt planen, holen Sie unbedingt eine Voranfrage bei der Baubehörde und der Landwirtschaftskammer ein. Die rechtliche Situation unterscheidet sich je nach Gemeinde und Bundesland erheblich. Einige Bundesländer (z. B. OÖ, Steiermark) haben bereits Leitfäden erarbeitet.

Fazit: Lohnt sich Agri-PV?

Agri-PV ist kein Allheilmittel, aber eine vielversprechende Technologie für spezifische Situationen in Österreich:

Agri-PV lohnt sich besonders wenn:
  • Sie Obst-, Beeren- oder Gemüsekulturen haben, die von Beschattung profitieren
  • Ihr Betrieb oft unter Hagel, Spätfrost oder Hitzetrockenstress leidet
  • Sie Strom für eigene Betriebsanlagen (Kühlung, Pumpen, Beleuchtung) benötigen
  • Ihr Betrieb in einer Region mit guten Förderprogrammen liegt
  • Sie für ein Forschungs- oder Demonstrationsprojekt offen sind (höhere Förderquoten)

Für reine Getreidebauern ohne Spezialkultur ist die Wirtschaftlichkeit heute noch schwierig. Hier sind vertikale bifaziale Anlagen am Ackerrand oder auf Grünland die bessere Wahl. Die Technologie entwickelt sich aber rapide weiter – in 5–10 Jahren dürften die Kosten auf das Niveau normaler Freiflächenanlagen sinken.

Für Dachbesitzer gilt: Eine normale Photovoltaik-Dachanlage ist weiterhin günstiger, einfacher zu genehmigen und schneller amortisiert. Agri-PV ist eine Ergänzung für die Landwirtschaft, kein Ersatz für Dachanlagen.

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Agri-PV Kurzfakten
  • LER bis 1,6 möglich
  • Hagelschutz inklusive
  • Wasserverbrauch −20–30 %
  • Kosten 30–80 % höher
  • Genehmigung komplex
  • Getreide weniger geeignet

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