Österreich hat das Ziel, bis 2030 den gesamten Stromverbrauch aus erneuerbaren Quellen zu decken. Dafür braucht es Fläche – und die ist knapp. Agri-PV (Agrovoltaik) bietet einen eleganten Ausweg: Dieselbe Fläche produziert gleichzeitig Nahrungsmittel und Solarstrom. Was in Mitteleuropa noch als Nischenthema gilt, könnte in Österreich bald flächendeckend Realität werden.

Was ist Agri-PV?

Der Begriff Agri-PV (auch: Agrovoltaik, APV, Dual-Use Solar) bezeichnet die gleichzeitige Nutzung einer Fläche für landwirtschaftliche Produktion und Photovoltaik-Stromerzeugung. Das Konzept wurde 1981 vom deutschen Physiker Adolf Goetzberger entwickelt, gewinnt aber erst seit ca. 2015 praktische Bedeutung.

Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichen Freiflächenanlagen: Bei Agri-PV bleibt die landwirtschaftliche Nutzung der Fläche vollständig oder weitgehend erhalten. Die Module werden so aufgeständert oder angeordnet, dass landwirtschaftliche Maschinen darunter fahren können und Pflanzen ausreichend Licht erhalten.

Flächennutzungseffizienz (LER): Die Land Equivalent Ratio (LER) ist das Maß für die Effizienz der Doppelnutzung. Ein LER-Wert von 1,3 bedeutet: Für die gleichen Erträge (Strom + Nahrungsmittel) bräuchte man getrennt 30 % mehr Fläche. Gut konzipierte Agri-PV-Anlagen erreichen LER-Werte von 1,2–1,6.

Systemtypen und Bauweisen

Es gibt verschiedene Bauarten von Agri-PV-Anlagen, je nach Kulturpflanze, Maschinentyp und Flächenanforderung:

SystemtypModulhöheBeschattungGeeignet fürKosten (€/kWp)
Hoch-APV (Schirmstruktur)4–6 m15–40 %Acker, Gemüse, Beeren1.800–2.800
Vertikale bifaziale APV1–2 m (Pfahlhöhe)10–20 %Grünland, Getreide, Wein1.400–2.000
Interrow APV (Reihenmontage)3–5 m25–50 %Obst, Hopfen, Spargel1.600–2.400
Greenhouse-APV (Gewächshaus)3–8 m20–60 %Spezialkulturen, Pilze2.500–4.000
Floating-APV (Teichanlage)0 (schwimmend)—Fischzucht, Reservoirs2.800–5.000

Vertikale bifaziale Module: Das österreichische Potenzial

Für österreichische Verhältnisse besonders interessant sind vertikale bifaziale Module, die senkrecht in Ost-West-Ausrichtung aufgestellt werden. Diese Bauart ist kostengünstiger als Hochkonstruktionen, erlaubt normale landwirtschaftliche Maschinen daneben und produziert durch die bifazialen Module (Rückseite fängt reflektiertes Licht) trotz vertikaler Montage 75–85 % des Ertrags einer normalen Südanlage. Ideal für österreichische Ackerflächen mit schwerem Gerät.

Geeignete Kulturen für Agri-PV

KulturSchattenverträglichkeitErtragswirkungZusatznutzenEmpfehlung
Kirschen, ÄpfelMittel±0 bis +15 %Hagelschutz, weniger SonnenbrandSehr gut
Beeren (Erdbeere, Himbeere)Hoch+5 bis +20 %Hitzeschutz, längere SaisonSehr gut
HopfenMittel−5 bis +5 %Stützgerüst integrierbarGut
Wein (Reben)Mittel−5 bis +10 %Hagelschutz, FrostschutzGut
Grünland / WeidenutzungHoch±0 bis −10 %Schatten für Tiere, WasserersparnisGut
Gemüse (Salat, Spinat)Hoch+10 bis +30 %Hitze- und TrockenschutzSehr gut
Getreide (Weizen, Mais)Niedrig−15 bis −35 %Kaum VorteileWeniger geeignet
Lavendel, KräuterMittel±0 bis −10 %Aromatik teilweise erhöhtGut
Österreichischer Schwerpunkt: Aufgrund der klimatischen Bedingungen und bestehenden Kulturen bieten sich für Österreich besonders Obstbau (Steiermark, Kärnten), Weinbau (Burgenland, Niederösterreich) und Beerenkulturen an. Die Kombination mit Hagelschutz ist ein Hauptargument – Hagelschäden kosten österreichische Landwirte jährlich 50–200 Millionen Euro.

Pilotprojekte in Österreich

Österreich steht bei Agri-PV noch am Anfang. Deutschland, Frankreich und Japan sind deutlich weiter. Dennoch gibt es erste wichtige österreichische Projekte:

ProjektStandortLeistungKulturStatus (2026)
APV-RAISE (AIT/BLT Wieselburg)Wieselburg, NÖca. 500 kWpGrünland, BeerenBetrieb seit 2023
Sunfarming Steirischer ObstbauSteiermarkca. 200 kWpÄpfel, KirschenIn Betrieb
BOKU-Agri-PV VersuchsfeldWien / Tullnca. 50 kWpGemüse, KräuterForschung laufend
Verbund / Energie Burgenland APV-TestBurgenlandca. 1.000 kWpWeinGenehmigung 2025
Raiffeisen / RWA Agri-PV InitiativeÖsterreichweitgeplant 10 MWp+Acker, GemüsePlanung 2025–2027
Internationaler Vergleich: Deutschland hat mit über 300 Agri-PV-Anlagen und ca. 500 MWp installierter Leistung eine deutlich größere Erfahrungsbasis. Frankreich fördert Agri-PV über spezielle Ausschreibungen. Japan ist mit über 2.000 Anlagen weltweit führend. Österreich kann von diesen Erfahrungen direkt profitieren.

Wirtschaftlichkeit und Ertragsmodelle

Agri-PV-Anlagen kosten aufgrund der speziellen Konstruktion 30–80 % mehr als Standard-PV-Anlagen gleicher Leistung. Dafür gibt es Mehreinnahmen aus der landwirtschaftlichen Nutzung und potenziell höhere Förderungen.

KostenpositionStandard-PV-FreiflächeAgri-PV (Hochkonstr.)Agri-PV (vertikal)
Investitionskosten700–900 €/kWp1.800–2.800 €/kWp1.400–2.000 €/kWp
Jährliche Wartung15–25 €/kWp25–40 €/kWp20–35 €/kWp
Jährl. Stromerträge (1.000 kWh/kWp)70–100 €/kWp70–100 €/kWp55–80 €/kWp
Jährl. landwirtsch. Mehreinnahmen0200–2.000 €/ha100–500 €/ha
Amortisation (ohne Förderung)8–12 Jahre18–30 Jahre15–22 Jahre
Amortisation (mit Förderung)6–9 Jahre12–20 Jahre10–16 Jahre

Agri-PV ist ohne Förderung wirtschaftlich noch herausfordernd. Der Hauptvorteil liegt nicht allein im Stromertrag, sondern in der Kombination mehrerer Einnahmequellen: Stromerzeugung, Ernteertrag, Pachteinnahmen (falls Fläche verpachtet), Hagel- und Dürreschutz (reduzierte Ernteverluste), sowie zukünftige Carbon-Credit-Erlöse.

Förderungen für Agri-PV in Österreich

OeMAG-Marktprämie (EAG)

Agri-PV-Anlagen ab 10 kWp sind für die OeMAG-Marktprämie qualifiziert. Größere Anlagen (>1 MWp) nehmen an Ausschreibungen teil. Die Marktprämie beträgt 2026 ca. 6–9 Cent/kWh für 20 Jahre.

ÖPUL / GAP-Strategieplan

Im Rahmen der EU-Gemeinsamen Agrarpolitik können Landwirte für umweltfreundliche Bewirtschaftung Prämien erhalten. Agri-PV als Biodiversitätsmaßnahme wird geprüft – erste Förderungen ab 2025/26 erwartet.

FFG-Förderung (Forschung)

Die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) fördert Demonstrationsprojekte und Pilotstudien zu Agri-PV. Förderquoten: 30–70 % der Projektkosten für Forschung und Erstinstallation.

Landesförderprogramme

Steiermark und Niederösterreich haben erste Förderprogramme für APV im Kontext der ländlichen Entwicklung. Kontakt: Jeweilige Landwirtschaftskammer oder Landesenergiestelle.

Rechtliche Grundlagen in Österreich

Die rechtliche Situation für Agri-PV in Österreich ist komplexer als für normale Dach-PV-Anlagen:

RechtsbereichRegelungAuswirkung auf Agri-PV
Raumordnung (Ländersache)PV-Freiflächen auf Ackerland meist nur mit Widmungsänderung möglichAgri-PV: Oft geringere Hürden, da Ackerstatus erhalten bleibt
Baurecht (Ländersache)Baugenehmigung für alle Konstruktionen über 3 m HöheHochkonstruktionen baugenehmigungspflichtig; Verfahrensdauer 3–12 Monate
NaturschutzrechtNaturschutzrechtliche Bewilligung je nach BundeslandIn Schutzgebieten: Stark eingeschränkt oder verboten
EAG 2021Fördersystem für erneuerbaren StromAgri-PV grundsätzlich förderungsfähig; spezifische Ausschreibung in Diskussion
FlächenwidmungAckerfläche muss primär Acker bleibenKriterium: >50 % der Fläche weiterhin landwirtschaftlich nutzbar (IEA-Standard)
Wichtig für Landwirte: Bevor Sie ein Agri-PV-Projekt planen, holen Sie unbedingt eine Voranfrage bei der Baubehörde und der Landwirtschaftskammer ein. Die rechtliche Situation unterscheidet sich je nach Gemeinde und Bundesland erheblich. Einige Bundesländer (z. B. OÖ, Steiermark) haben bereits Leitfäden erarbeitet.

Genehmigungsverfahren: Schritt für Schritt

Die Genehmigung einer Agri-PV-Anlage in Österreich ist vielschichtiger als bei Dachanlagen. Planen Sie 12–24 Monate Vorlaufzeit ein:

SchrittBehörde / InstitutionDauerInhalt
1. VoranfrageGemeinde / Baubehörde2–6 WochenGrundsätzliche Zulässigkeit, Widmung prüfen
2. FlächenwidmungGemeinderat3–12 MonateNur nötig wenn Widmungsänderung erforderlich; Agri-PV oft vereinfacht
3. NaturschutzBezirksbehörde / Land4–8 WochenIn Schutzgebieten komplexer; UVP ab bestimmter Größe
4. BaugenehmigungGemeinde6–12 WochenStatik, Einreichplan, Nachbarbehörden
5. NetzanschlussNetzbetreiber4–12 WochenFür Größen >30 kWp Netzstudien erforderlich
6. Förderantrag OeMAGOeMAGLaufend (Ausschreibungsrunden)Marktprämie; Frist beachten
7. InbetriebnahmeNetzbetreiber + BH2–4 WochenAbnahmeprüfung, Messanlage

Häufige Fragen zu Agri-PV in Österreich

Verliere ich als Landwirt EU-Flächenprämien (GAP-Direktzahlungen) bei Agri-PV?

Diese Frage ist zentral für die Wirtschaftlichkeit. Nach dem aktuellen Österreichischen GAP-Strategieplan (2023–2027) und EU-Verordnung 2021/2115 bleibt eine Fläche förderfähig (Direktzahlungen, ÖPUL), wenn sie weiterhin landwirtschaftlich genutzt wird und die Flächennutzung nicht dauerhaft ausgeschlossen ist. Das IEA-Kriterium (>50 % der Fläche weiterhin landwirtschaftlich nutzbar) gilt als Richtlinie. Konkret: Hoch-APV-Anlagen oder vertikale Systeme lassen die Fläche zugänglich und dürften die Fähigkeitskriterien erfüllen. Empfehlung: Voranfrage bei der Agrarmarkt Austria (AMA) vor Projektstart.

Ab welcher Größe ist eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) erforderlich?

Nach Österreichischem UVP-Gesetz (UVP-G 2000) kann eine UVP-Pflicht entstehen bei PV-Freiflächenanlagen ab 2,5 MW installierter Leistung oder ab 1 ha überbautem Freiland in bestimmten Kategoriebereichen. Agri-PV fällt in eine Grauzone: Da die Fläche landwirtschaftlich nutzbar bleibt, können manche Behörden die UVP-Schwelle höher ansetzen. Das ist aktuell (Stand 2026) nicht einheitlich geregelt – Bundesländer wenden die Kriterien unterschiedlich an. Bei Projekten ab 1 MWp unbedingt Rechtsberatung einholen.

Gibt es Agri-PV-Beratung für österreichische Landwirte?

Ja. Die wichtigsten Anlaufstellen sind: Landwirtschaftskammern (alle Bundesländer) – kostenlose Erstberatung zu Förderungen und Genehmigungen; Klimaaktiv (bmk.gv.at) – öffentliche Energieberatung; Österreichische Energieagentur – Hintergrundinformationen und Kontakte zu Pilotprojekten; AIT Austrian Institute of Technology – für Forschungskooperationen an APV-Projekten; Energieinstitut Vorarlberg / jeweilige Landesenergieagenturen.

Für reine Getreidebauern ohne Spezialkultur ist die Wirtschaftlichkeit heute noch schwierig. Hier sind vertikale bifaziale Anlagen am Ackerrand oder auf Grünland die bessere Wahl. Die Technologie entwickelt sich aber rapide weiter – in 5–10 Jahren dürften die Kosten auf das Niveau normaler Freiflächenanlagen sinken.

Für Dachbesitzer gilt: Eine normale Photovoltaik-Dachanlage ist weiterhin günstiger, einfacher zu genehmigen und schneller amortisiert. Agri-PV ist eine Ergänzung für die Landwirtschaft, kein Ersatz für Dachanlagen.