Grundlagen: Azimut und Neigungswinkel

Zwei Winkel bestimmen den Standort eines Solarmoduls in Bezug zur Sonne: der Azimut (Himmelsrichtung der Modulnormale) und der Neigungswinkel (Dachneigung). In der PV-Branche gilt folgende Konvention:

Azimut 0° = Süd, -90° = Ost, +90° = West, ±180° = Nord. Neigungswinkel 0° = waagrecht (Flachdach), 90° = senkrecht (Fassade). Eine vertikale Südfassade hat also Azimut 0° und Neigung 90°.

Daten-Grundlage: Die Ertragswerte in diesem Artikel basieren auf PVGIS-Daten der EU-Kommission (Joint Research Centre), abgefragt für Wien (48.2°N, 16.4°E, Klimamodell ERA5). Diese Daten sind öffentlich zugänglich unter re.jrc.ec.europa.eu/pvg_tools und gelten als Referenz für österreichische Förderanträge.

Ertragstabelle: Jahresertrag nach Ausrichtung und Neigung

Die folgende Tabelle zeigt den relativen Jahresertrag (in % gegenüber dem Optimum) für verschiedene Azimut-Neigungskombinationen, berechnet für Wien. Die Werte sind für ganz Österreich repräsentativ – der absolute Ertrag ist in Salzburg oder Graz etwas höher, die relativen Verhältnisse sind gleich.

Neigung Süd (0°) SO / SW (±45°) Ost / West (±90°) NO / NW (±135°) Nord (180°)
0° (Flachdach) 87 % 87 % 87 % 87 % 87 %
15° 96 % 93 % 85 % 75 % 71 %
30° 100 % 96 % 82 % 67 % 59 %
35° (Optimum AT) 100 % 96 % 80 % 64 % 55 %
45° 98 % 93 % 77 % 58 % 47 %
60° 90 % 84 % 70 % 49 % 36 %
90° (Fassade) 68 % 62 % 48 % 28 % 16 %

Quelle: PVGIS ERA5, Wien (48.2°N). 100 % entspricht ca. 1.130 kWh/kWp/Jahr (optimale Bedingung).

Aus dieser Tabelle lassen sich die wichtigsten Erkenntnisse direkt ablesen: Der Ertragsverlust durch Abweichung von der Südausrichtung ist bei flacher Neigung deutlich geringer. Wer ein Flachdach hat, kann Module frei ausrichten – der Azimut kostet bei 0° Neigung gar nichts. Und selbst ein Norddach mit 30° Neigung liefert noch 59 % des Optimums – das ist kein Totalausfall.

Absolute Ertragswerte für Österreich

Konfiguration Wien Salzburg Innsbruck Graz
Süd, 35° (Optimum) 1.130 kWh/kWp 1.195 kWh/kWp 1.180 kWh/kWp 1.155 kWh/kWp
SO/SW, 35° 1.085 kWh/kWp 1.148 kWh/kWp 1.133 kWh/kWp 1.109 kWh/kWp
Ost/West, 35° (halbiert: Ertrag pro Seite) 904 kWh/kWp 956 kWh/kWp 944 kWh/kWp 924 kWh/kWp
Flachdach, 10°, Süd 1.003 kWh/kWp 1.060 kWh/kWp 1.047 kWh/kWp 1.025 kWh/kWp
Nord, 30° 667 kWh/kWp 706 kWh/kWp 697 kWh/kWp 682 kWh/kWp

Quelle: PVGIS ERA5, Jahresmittel 2005–2020. Werte können um ±5 % je nach Mikroklima abweichen.

Ost-West-Ausrichtung: Weniger Ertrag, aber besser für den Eigenverbrauch?

Ost-West-Ausrichtung auf einem Satteldach ist in Österreich sehr häufig – weil viele Häuser nunmal keine reine Südseite haben. Der Ertragsverlust von ca. 15–20 % (bezogen auf reine Südausrichtung) klingt nach viel. Aber es gibt einen wichtigen Kompensationseffekt:

Bei Südausrichtung gibt es einen ausgeprägten Mittagspeak: Zwischen 11 und 14 Uhr wird die meiste Leistung produziert – oft mehr, als der Haushalt gerade verbraucht. Überschuss wird eingespeist, meist für 7–9 Ct/kWh. Bei Ost-West-Ausrichtung verteilt sich die Produktion gleichmäßiger über den Tag – mehr Strom morgens (Frühstück, Waschmaschine) und abends (Kochen, E-Auto). Das erhöht den Eigenverbrauchsanteil typischerweise von 25–35 % auf 35–45 %.

Rechenbeispiel: Eine 10 kWp-Anlage mit Südausrichtung produziert 11.300 kWh/Jahr. Bei 30 % Eigenverbrauch werden 3.390 kWh selbst genutzt (Wert ca. 30 Ct/kWh = 1.017 €) und 7.910 kWh eingespeist (8 Ct/kWh = 633 €). Gesamterlös: 1.650 €. Bei Ost-West: 9.040 kWh, davon 45 % selbst: 4.068 kWh (1.220 €) + 4.972 kWh eingespeist (398 €). Gesamterlös: 1.618 €. Fast gleich – trotz 20 % weniger Jahresertrag.

Flachdach: Freiheit bei der Ausrichtung, aber Kosten bei der Aufständerung

Auf einem Flachdach haben Sie die Freiheit, Module beliebig auszurichten. Die empfohlene Lösung: Module in Süd-Richtung mit 10–15° Aufständerung. Warum nicht steiler? Weil steilere Aufständerung mehr Eigenabschattung (eine Modulreihe schattet die nächste) bedeutet und teurer in der Montage ist.

Neigung Aufständerung Jahresertrag (relativ) Mindestabstand zwischen Reihen Modulanzahl pro 100 m²
90 % gering (ca. 0,5 m) ca. 22–25 Module
10° 93 % ca. 0,9 m ca. 18–22 Module
15° 96 % ca. 1,3 m ca. 15–18 Module
25° 99 % ca. 2,5 m ca. 10–13 Module
35° (optimal) 100 % ca. 3,5 m ca. 7–10 Module

Die Praxis-Empfehlung für Flachdächer: 10–15° Neigung mit Süd-Ausrichtung. Man verzichtet auf 4–7 % Jahresertrag, kann aber dafür deutlich mehr Module auf derselben Fläche installieren – was den Ertragsverlust pro Modul durch Flächengewinn überkompensiert.

Teilabschattung: Wenn die Tabelle nicht ausreicht

Die Ertragstabellen oben gelten für unverschattete Module. Schornsteine, Dachgauben, Antennen, Bäume oder benachbarte Gebäude können den realen Ertrag deutlich stärker verringern als eine ungünstige Dachausrichtung. Ein Schornstein, der 2 Module für 2 Stunden täglich beschattet, kann bei einem String-Wechselrichter mehr Ertrag kosten als die Ost-statt-Süd-Ausrichtung.

Für Anlagen mit absehbarer Teilabschattung empfehlen sich Moduloptimierer oder Mikrowechselrichter – mehr dazu im Artikel Wechselrichter Typen Vergleich 2026.

Lohnt sich PV auf einem Norddach?

Diese Frage ist nicht pauschal mit Nein zu beantworten. Bei 30° Neigung liefert ein Norddach immerhin 59 % des Süd-Optimums – das sind in Wien ca. 667 kWh/kWp/Jahr. Bei modernen PV-Systempreisen unter 1.000 €/kWp kann das rentabel sein, besonders wenn:

Die Südseite bereits vollständig belegt ist und weiterer Platz gesucht wird. Das Dach groß genug ist, um trotz des Minderextrags ausreichend Eigenverbrauch zu decken. Ein Batteriespeicher vorhanden ist, der Nordseiten-Strom für den Abend puffert. Der Eigentümer auf maximale Autarkie und nicht auf Einspeiserendite abzielt.

Achtung bei steilen Norddächern: Eine Nordfassade (90°, Azimut 180°) liefert in Österreich nur 16 % des Optimums. Hier ist PV wirtschaftlich kaum sinnvoll, außer als architektonisches Element mit Förderzuschuss.

Wie plane ich mit PVGIS selbst?

Das PVGIS-Tool der EU-Kommission ist kostenlos und liefert standortgenaue Ertragsdaten für jede Adresse in Österreich. So gehen Sie vor:

Öffnen Sie re.jrc.ec.europa.eu/pvg_tools, wählen Sie Ihren Standort auf der Karte oder geben Sie Koordinaten ein. Unter „PV performance" geben Sie Neigung und Azimut ein. Das Tool berechnet den Jahresertrag in kWh/kWp basierend auf historischen Solardaten (ERA5, SARAH-2). Sie können verschiedene Szenarien durchrechnen und die monatliche Verteilung sehen – sehr nützlich, um zu verstehen, wann im Jahr Ihr Dach am meisten produziert.

Unser PV-Rechner verwendet dieselben PVGIS-Datenbasis und berechnet daraus Eigenverbrauch, Amortisation und Wirtschaftlichkeit für Ihren konkreten Haushalt.

Fazit: Ihr Dach ist besser als Sie denken

Der häufigste Fehler bei der PV-Planung ist, ein Dach vorschnell als „ungeeignet" abzuschreiben. Die Ertragstabellen zeigen: Selbst Ost-West-Ausrichtung mit 35° Neigung liefert noch 80 % des Optimums. Und bei der Wirtschaftlichkeit spielt der Eigenverbrauchsanteil eine so wichtige Rolle, dass Ost-West-Anlagen am Ende oft ähnlich rentabel sind wie Süd-Anlagen.

Was wirklich wichtig ist: keine starke Verschattung durch Bäume oder Gebäude (das schadet mehr als jede Himmelsrichtung), ausreichend Modulanzahl für den Jahresverbrauch, und ein Wechselrichter, der zur Dachsituation passt.